Andere Abteilungen sind nicht dumm
Ich habe über dieses Thema schon einmal geschrieben, damals vor allem im Kontext von Agenturkunden. Doch ein aktueller Anlass bringt mich dazu, es noch einmal aufzugreifen – diesmal mit Blick auf die Zusammenarbeit innerhalb derselben Firma. Genauer gesagt: auf das Verhältnis zwischen IT oder Entwicklung und allen anderen Abteilungen.
Was mich immer wieder stört, ist diese Haltung, die man leider nicht selten erlebt: Entwickler oder ganze IT-Teams verhalten sich, als wären sie die einzigen wirklich intelligenten Menschen im Unternehmen. Alles, was nicht direkt aus ihrer Welt stammt, wird schnell als unzureichend oder inkompetent abgestempelt. Anforderungen seien nicht detailliert genug, auf Rückfragen kämen keine sofortigen Antworten, sondern erst nach interner Abstimmung. Prozesse seien unklar, Entscheidungen nicht nachvollziehbar, und überhaupt – warum kennt sich die Leitung eigentlich nicht technisch bis ins letzte Detail aus?
Diese Kritikpunkte tauchen immer wieder auf. Doch die Art und Weise, wie sie vorgetragen werden, ist oft das eigentliche Problem. Dahinter steckt nicht selten eine übersteigerte Arroganz, die andere Mitarbeiter direkt oder indirekt abwertet. Es wird sich offen gewundert, wie ein Unternehmen mit solchen Leuten überhaupt funktionieren kann. Und nicht selten wird die Diskussion sogar persönlich.
Wer so denkt und handelt, hat meiner Meinung nach nicht nur ein zwischenmenschliches Problem, sondern auch ein grundlegendes Missverständnis davon, wie Arbeitswelt funktioniert. Ein IT-Leiter muss kein Top-Entwickler sein. Seine Aufgabe ist es, Verantwortung zu übernehmen, wirtschaftlich zu planen und Entscheidungen zu treffen. Dafür gibt es Entwickler im Team – genau wie es in anderen Abteilungen Experten gibt, die ganz andere Fähigkeiten mitbringen.
Denn genau das wird oft vergessen: Die Kompetenzen in anderen Bereichen sind nicht geringer, sie sind einfach anders gelagert. Marketing, Vertrieb, HR oder Controlling folgen eigenen Logiken, sprechen eigene Sprachen und lösen Probleme auf ihre Weise. Und ganz ehrlich: Jeder Entwickler, der behauptet, sämtliche Abläufe in der IT vollständig zu durchdringen, hat wahrscheinlich selbst schon die Hälfte vergessen oder nie im Detail verstanden.
Am Ende sitzen überall Fachkräfte. Menschen, die in ihrem Bereich deutlich mehr wissen als man selbst. Und wenn angeblich alle anderen so unfähig sind – wie kommt es dann, dass das Unternehmen erfolgreich genug ist, um sich teure Entwickler leisten zu können? Diese Frage sollte man sich ruhig öfter stellen.
Hinzu kommt, dass Entscheidungen im Unternehmen selten rein technisch getroffen werden. Es geht um Budgets, Risiken, Zeitpläne und strategische Überlegungen. Die „beste“ technische Lösung ist nicht immer die sinnvollste. Das zu verstehen, braucht Erfahrung – und oft auch den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus.
Interessanterweise ändert sich die Perspektive häufig, je weiter man in seiner Karriere kommt. Mit wachsender Verantwortung wächst auch das Verständnis für die Komplexität von Entscheidungen und für die Fähigkeiten anderer. Dinge, die vorher unverständlich oder „dumm“ wirkten, ergeben plötzlich Sinn.
Als Entwickler ist man letztlich auch nur ein Teil des Ganzen. Man arbeitet mit den Informationen, die man bekommt, und bewegt sich innerhalb eines Systems, das von vielen anderen geprägt wird. Wer wirklich besser werden will, sollte anfangen, mit anderen Abteilungen zusammenzuarbeiten, ihre Denkweisen zu verstehen und ihre Sprache zu lernen.
Denn genau darin liegt der Schlüssel: Wenn jemand versucht, „IT zu sprechen“, klingt das für Entwickler oft unbeholfen. Aber das Gleiche gilt umgekehrt. Wer sich die Mühe macht, die Sprache anderer Disziplinen zu lernen, merkt schnell, wie viel Wissen und Intelligenz dort steckt.
Oder, um es mit einem Zitat aus der Serie Modern Family zu sagen: „Do you even know how smart I am in Spanish?“
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